Nachhaltigkeit im Rechenzentrum ist kein Technikprojekt einer einzelnen Abteilung. Sie entsteht dort, wo alle gemeinsam denken.

Dieses Interview ist ein Teil der Reihe „Fragen, die Türen öffnen – Expertengespräche mit dem Consulting-Team von Fsas Technologies“. Alle Beiträge finden Sie unter dem Hashtag Expertengespräche Consulting.

Steigende Energiepreise, neue Berichtspflichten, ein Server-Park, der über Jahre gewachsen ist, ohne dass jemand die Gesamtsicht behalten hat: Viele Unternehmen wissen, dass ihr Rechenzentrum nicht mehr zeitgemäß läuft. Was ihnen fehlt, ist selten der gute Wille zur Veränderung – sondern eine belastbare Antwort auf die Frage, wo genau man ansetzen sollte.

Verschärft wird das durch die Regulatorik: EnEfG, ESG-Berichtspflichten und die DIN EN 50600 verlangen heute Transparenz, Messpunkte und Dokumentation, die viele Rechenzentren schlicht nicht liefern können. Der Grund dafür liegt oft nicht in fehlendem Engagement, sondern in einer fragmentierten Datenbasis: Energie, Kühlung, Fläche und IT-Assets werden getrennt betrachtet – und genau dort bleiben Potenziale unsichtbar.

André Lambor, Head of Sustainable Datacenter Consulting bei Fsas Technologies, begleitet mit seinem Team Unternehmen dabei, aus dieser Fragmentierung ein belastbares Gesamtbild zu machen.

Warum Rechenzentren mehr als ein Technikthema sind

André, wenn Unternehmen an Nachhaltigkeit im Rechenzentrum denken, denken die meisten zuerst an neue Kühlung oder effizientere Server. Ist das zu kurz gedacht?

Das ist nicht falsch, aber in der Tat zu kurz gedacht. Ein Rechenzentrum ist kein isoliertes Technikprojekt, sondern das Zusammenspiel aus IT, Facility, Betrieb und Compliance. Wenn ich nur an der Kühlung schraube, aber nicht weiß, wie meine IT-Assets ausgelastet sind oder welche Nachweise ich in zwei Jahren erbringen muss, optimiere ich im luftleeren Raum.

Was übersehen Unternehmen dabei am häufigsten?

Dass diese Bereiche in der Praxis fast nie an einem Tisch sitzen. Facility kennt die Kühllast, die IT-Abteilung die Auslastung, der Betrieb die Störungen im Alltag – aber selten kennt jemand alle drei gemeinsam. Genau in diesen Brüchen zwischen den Bereichen verstecken sich die größten Potenziale.

Ohne Daten keine Steuerung

Eine eurer Kernaussagen lautet: Ohne eine messbare Datenbasis bleiben Effizienz und Nachhaltigkeit schwer steuerbar. Warum ist das so zentral?

Weil man nur steuern kann, was man messen kann. Ich erlebe häufig Unternehmen, die überzeugt sind, ihr größtes Problem zu kennen, weil es das Lauteste ist. Aber das lauteste Problem ist nicht automatisch das wirkungsvollste. Ohne belastbare Zahlen zu Energie, Kühlung, Fläche und IT-Assets trifft man Entscheidungen auf Basis von Bauchgefühl statt Bilanz – und Bauchgefühl lässt sich niemandem als Nachweis vorlegen.

Wie sieht so eine Bestandsaufnahme bei euch aus?

Wir nennen das Datacenter Assessment: eine ganzheitliche Aufnahme von IT-, Facility- und Betriebsdaten – inklusive der Frage, welche regulatorischen Nachweise heute schon vorliegen und welche fehlen. Am Ende steht eine belastbare Grundlage, auf der sich Maßnahmen priorisieren lassen, statt sie nach Bauchgefühl zu bestimmen. Das bringt drei Dinge: Transparenz für fundierte Entscheidungen, Wirtschaftlichkeit durch Fokus auf die wirkungsvollsten Investitionen und Zukunftsfähigkeit durch ein nachhaltiges, resilientes, regelkonformes Rechenzentrum.

Ein Praxisbeispiel: Wenn überschüssige Energie zum Rechenzentrum wird

Habt ihr ein Beispiel, an dem sich zeigt, wie ganzheitliches Denken im Rechenzentrum konkret aussieht?

Ja, ein besonders spannendes Projekt begleiten wir aktuell mit der Bürger-Energie-Genossenschaft Pfaffenhofen a. d. Ilm (BEG Pfaffenhofen). Die Genossenschaft produziert mit ihren Wind- und Solaranlagen zeitweise mehr Strom, als sich wirtschaftlich einspeisen lässt – Abregelung statt Wertschöpfung. Gleichzeitig wächst regional der Bedarf an DSGVO-konformer KI-Rechenleistung, gerade im Mittelstand.

Die Lösung: ein modulares IT-Container-Rechenzentrum, das genau mit diesem Überschussstrom klimaneutral betrieben wird. Vermarktet wird die Rechenleistung über eine eigene regionale KI-Plattform, inklusive DSGVO-konformer Einbindung von Unternehmensdaten und voller Datensouveränität – ganz ohne Datenabfluss zu US-Clouds. So wird aus einem energiewirtschaftlichen Verlustgeschäft ein planbares Digitalgeschäft, das gezielt Mittelstand, Forschung, Start-ups mit hohem GPU-Bedarf und Kommunen adressiert.

 

Das Windrad der BEG Pfaffenhofen.

Das Windrad der BEG Pfaffenhofen.

Was macht dieses Beispiel für andere Unternehmen interessant?

Genau das ganzheitliche Denken, über das wir die ganze Zeit sprechen: Energie, IT-Infrastruktur, Compliance und Geschäftsmodell wurden von Anfang an zusammen gedacht statt nacheinander. Das ist kein Sonderfall für Energiegenossenschaften – dasselbe Prinzip gilt für jedes Unternehmen, das sein Rechenzentrum zukunftsfähig aufstellen will.

Vom Einzelprojekt zum Zielbild

Viele Unternehmen starten mit Einzelmaßnahmen. Warum reicht das langfristig nicht?

Weil Einzelmaßnahmen selten ineinandergreifen. Man tauscht die Kühlung, ohne zu wissen, dass in zwei Jahren ein Umzug ansteht. Das Ergebnis sind viele kleine Projekte – aber kein Zielbild, auf das sie einzahlen. Wir setzen dem einen Transformationspfad entgegen, der Quick Wins mit einer strategischen Zielarchitektur verbindet, damit eine Maßnahme von heute nicht in drei Jahren zur Fehlinvestition wird.

Quick Wins & eine Checkliste

Zum Schluss noch ganz praktisch: Welche Quick Wins würdest du Unternehmen empfehlen, die heute noch gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen?

Drei Dinge fallen mir sofort ein. Erstens: die Datenbasis prüfen – liegen Energie-, Kühl- und Auslastungsdaten überhaupt aktuell und vergleichbar vor? Zweitens: Verantwortlichkeiten zusammenführen, also IT, Facility und Betrieb bewusst an einen Tisch bringen. Und drittens: Regulatorik als Chance begreifen – EnEfG, ESG und DIN EN 50600 nicht als lästige Pflicht abarbeiten, sondern als Anlass für ein Assessment nutzen.

Und wenn jemand nach diesem Gespräch für sich selbst einschätzen möchte, wo er steht – was würdest du ihm mit auf den Weg geben?

Ich würde ihm fünf Fragen stellen, die er ehrlich mit Ja oder Nein beantworten sollte:

  • ✓ Haben Sie eine gemeinsame, aktuelle Datenbasis zu Energie, Kühlung, Fläche und IT-Assets?
  • ✓ Wissen IT, Facility und Betrieb voneinander, woran die anderen gerade arbeiten?
  • ✓ Können Sie EnEfG-, ESG- und DIN-EN-50600-Nachweise heute belastbar erbringen?
  • ✓ Gibt es ein Zielbild für Ihr Rechenzentrum – oder nur eine Liste einzelner Maßnahmen?
  • ✓ Wissen Sie, welche Investition als Nächstes den größten Effekt hätte?

Wer mehr als zwei davon mit „Nein“ beantwortet, sollte das Thema nicht auf die lange Bank schieben – dann lohnt sich ein Gespräch über eine ganzheitliche Datenbasis fürs eigene Rechenzentrum.

André, vielen Dank für die klaren Worte und den Blick hinter die Kulissen.

Öffnen Sie Türen – und gehen Sie hindurch

Was bleibt nach diesem Gespräch? Die Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit im Rechenzentrum kein Technikprojekt ist, das man einer einzelnen Abteilung überlässt. Sie entsteht dort, wo IT, Facility, Betrieb und Compliance aufhören, getrennt voneinander zu denken – und eine gemeinsame, messbare Grundlage schaffen. Es geht nicht darum, sofort alle Antworten zu kennen, sondern mit den richtigen Fragen Türen zu öffnen – und mutig genug zu sein, hindurchzugehen.

Weiterführende Informationen zu den Beratungsangeboten von Fsas Technologies finden Sie auf unserer Webseite zum IT-Consulting für resiliente, skalierbare und nachhaltige IT-Infrastrukturen.

Ihr Ansprechpartner

André LamborAls Head of Sustainable Datacenter Consulting bei Fsas Technologies verantwortet André Lambor mit seinem Team unter anderem die ganzheitliche Beratung rund um nachhaltige, regelkonforme und wirtschaftliche Rechenzentren – von der ersten Bestandsaufnahme bis zur strategischen Zielarchitektur.

Autor

  • Simone Selbmann

    Simone Selbmann ist Marketing Partner für Consulting & Infrastructure Services. Ihr Anliegen: IT-Services mit Herz und Verstand nach vorne bringen! Mit allen Facetten – aber vor allem viel Content, Mehrwert, geballtem Expertenwissen und Spaß .

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